Freitag, 29. Juni 2012


Mein erster Blogeintrag. Und dann über Fußball. Mist. Eurobonds, Hungersnöte, Klimawandel, Obamacare. Das wären Themen gewesen. Aber ich beginne mit Fußball.

Warum? Warum nicht! Immerhin gibt es für viele derzeit wenig Wichtigeres als das runde Leder. (Ich weiß, Fußbälle werden schon längst nicht mehr aus ordentlichem Leder hergestellt. Für Klugscheißer: Der aktuelle EM-Ball besteht zu 70 Prozent aus Polyurethan und 30 Prozent Kunstleder.) Den Vorsatz, das Bloggen mal auszuprobieren, schiebe ich eigentlich schon seit zehn Jahren vor mir her. Irgendwann muss ich halt einmal anfangen. Und der erste Text ist einem bestimmt eh schon bald peinlich. Also kann das Thema ruhig die „wichtigste Hauptsache der Welt sein.

Anpfiff!

Zwar ist die EURO 2012 noch nicht vorbei, aber aus deutscher Sicht kann jetzt ein erstes Fazit gezogen werden. Nüchtern betrachtet war die Leistung der Deutschen nicht überragend. Es stehen ein schlechtes (Italien), zwei mittelmäßige (Portugal, Dänemark) und nur zwei wirklich tolle Begegnungen (Niederlande, Griechenland) zubuche. Macht unter dem Strich halt nur das Halbfinale. Dem gegenüber standen allerdings die Medienberichte (à la „Schwarz-Rot-Geil) und die Erwartungen im Vorfeld. Wurde die Mannschaft 2006 oder 2008 noch fast belächelt, ging sie diesmal als Favorit ins Turnier.

Doch diese Favoritenrolle lag den Deutschen nicht. Vielleicht waren sie auch mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache. Auf der einen Seite wurde vom Italien-Trauma schwadroniert, auf der anderen Seite wurde landauf, landab schon vom Finale gegen Spanien geschwärmt. Dass der Gegner im Halbfinale aber unberechenbar ist, hätte man wissen müssen können.

http://www.facebook.com/eydinger/posts/3429334896895?comment_id=3571945&offset=0&total_comments=25
Mein prophetischer Tipp in einem Kommentar auf Facebook. 
Überhaupt, wenn es drauf ankommt, scheitern deutsche Mannschaften – auch im Vereinsfußball übrigensSeit mehr als einem Jahrzehnt konnten deutsche Klubs keinen europäischen Titel mehr gewinnen. In der UEFA Champions League verloren Bayer Leverkusen in der Saison 2001/2002 (1:2 gegen Real Madrid) oder der FC Bayern München 2009/2010 (0:2 gegen Inter Mailand) sowie 2011/2012 („Finale dahoam 3:4 i.E. gegen den FC Chelsea) ihr Finale. Auch im UEFA-Cup (heute Europa League) gab's zuletzt nur Pleiten: Borussia Dortmund 2001/02 (2:3 gegen Feyenoord Rotterdam) und Werder Bremen 2008/09 (1:2 n.V. gegen Schachtar Donezk). Die traurige Niederlagen-Serie der Nationalmannschaft in entscheidenden Spielen seit 1996 ist also nur das I-Tüpfchen.

Und damit sind wir bereits beim Kernproblem. Mit den abgewandelten Worten von James Carville, dem legendären Berater von US-Präsident Bill Clinton, würde ich sagen: It's the Arschloch-Faktor, stupid! Deutsche Mannschaften spielen seit mehr als einem Jahrzehnt tollen, ansehnlichen Fußball. Sportredakteure dürfen heute wieder ungestraft Worte wie Begeisterung in ihren Reportagen über Schweinsteiger, Özil, Hummels & Co. verwenden. Das ist toll, das macht Spaß, das bringt uns weltweit Anerkennung. Aber Zählbares springt damit nicht heraus.

Erfolgreiche Mannschaften hatten und haben in ihren Teams immer Individualisten/Egozentriker und – mit Verlaub – Arschlöcher. Jungs, die nicht nur geniale Momente haben, sondern genial sind (mit allen negativen Facetten). Und Jungs, die in wichtigen Momenten auch mal die Blutgrätsche auspacken. Ist halt Fußball, kein Ballett! Und jetzt ehrlich: Wer in Deutschland kann sich wirklich mit Messi, Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney, Mario Balotelli oder auch den Mark van Bommels dieser Welt vergleichen?

Warum ist das so? In Deutschland wurde die Fußballerausbildung in den letzten Jahren umgestellt. Mannschaftsdienlich, Spielsystemkonform sollen die Spieler sein. Das ist grundsätzlich sehr löblich und mit Blick auf die beiden goldenen Generationen (1. von Bastian Schweinsteiger über Philipp Lahm bis Lukas Podolski oder 2. von Mario Götze über Marco Reus bis Thomas Müller) faszinierend. Aber Spielertypen wie früher Stefan Effenberg, Mario Basler oder auch Jens Jeremies braucht es einfach, um große Titel zu gewinnen. Der einzige, der diesem Ideal nahe kommt und mir spontan einfällt, ist Kevin-Prince Boateng. Aber der spielt ja international lieber für Ghana und lässt sich auf Vereinsebene beim AC Mailand umjubeln.

Natürlich kann soll Jogi Löw weiterhin Bundestrainer bleiben. Aber die gestrige Niederlage sollte zu einem Umdenken beim DFB führen. Die Ausbildung der Nachwuchsspieler kann sich nicht mehr länger nur auf nette Schwiegersöhne, die schönen Fußball spielen, konzentrieren. Nein, richtige Typen müssen ihre Freiheiten behalten dürfen. (Interessanter Nebenaspekt: Auch in der Politik und im Journalismus wird Ähnliches beklagt.)

Große Hoffnung setze ich dabei auf DFB-Sportdirektor Matthias Sammer. Dieser hat als einer der Wenigen zuletzt das fehlende Sieger-Gen in Deutschland bemängelt. Leider reibt sich Sammer seit Jahren in einem absurden Machtkampf mit Jogi Löw und DFB-Teammanger Oliver Bierhoff auf. Miteinander sprechen, Konzepte weiter entwickeln, neue Ideen zulassen. Ganz simpel. Es ist doch eigentlich wie überall im Leben. Dann klappt es vielleicht schon in Brasilien, spätestens aber bei der Euro 2016 in Frankreich.

Abpfiff!


tl;dr: Die deutsche Nationalmannschaft scheiterte an Italien, weil ihr ein Arschloch im Team fehlt. Die DFB-Ausbildung muss sich ändern, Sportdirektor Matthias Sammer muss mehr Macht bekommen.


Kommentare:

  1. Hier freue ich mich über deinen Kommentar. (-:

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  2. Herzlich Willkommen bei denen, die das Internet vollschreiben wollen.

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