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Mittwoch, 26. Februar 2014

SOTSCHI 2014 
Wie schnitten UdSSR, DDR, Jugoslawien & Co. ab? 

Wie auch nach den Spielen 2012 in London habe ich den Retro-89-Medaillenspiegel der abgelaufenen Olympischen Spiele berechnet.

Der Sieg beim Gold-, Silber- und Bronze-Zählen geht – wenig überraschend – an die Sowjetunion. Bereits in der Real-Version von Sotschi lagen ja die russischen Lokalmatadore vorne. Rechnet man nun noch die Medaillen aus Weißrussland, Lettland und Kasachstan hinzu, können sie fast doppelt so viel Edelmetall feiern wie die zweitplatzierten Norweger.

Die untergegangene Tschechoslowakei kommt auf einen kumulierten zwölften, der ehemalige Vielvölkerstaat Jugoslawien auf den 15. Rang.

Und die beiden deutschen Ex-Teilstaaten? Während in London BRD und DDR fast identisch ins Ziel gingen, klafft nun eine große Lücke. Der Westen ist auf die Medaillen des Ostens kaum angewiesen.

Ist das ein allgemeiner und bedenklicher Trend im 25. Jahr nach dem Mauerfall? Oder gibt es rein sportliche Gründe, weil durch die hohen Lagen vor allem in Bayern die Wintersportbedingungen dort naturgemäß besser sind?


Natürlich ist das Ganze ein absurdes Szenario – politisch inkorrekt darüberhinaus. Dennoch ist diese Auflistung für Statistik-Füchse sicherlich von Interesse. Der oben verlinkte Blog-Beitrag von 2012 bringt mir bis heute die meisten Google-Besucher.

Noch einige Hintergründe:

1. U.d.S.S.R. & Co. dürften niemals so viele Sportler pro Disziplin an den Start bringen wie die damaligen Teilstaaten heute zusammen. Allein deshalb ist die Summe nicht wirklich realistisch.

2. BRD- und DDR-Ergebnisse habe ich nach dem jeweiligen Geburtsort des Medaillengewinners gezählt. Bei Mannschaften war die Mehrheit ausschlaggebend. So erklärt sich auch das geteilte Bronze, errungen in der Langlauf-Staffel der Damen. Jeweils zwei Athletinnen sind im alten und im mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Bundesgebiet geboren. Berliner gingen heuer leer aus; was eine Zuordnung zwischen Ost- und Westteil der Stadt obsolet machte. Aljona Savchenko ist in der Ukraine geboren, ihren Anteil am Bronze im Paar-Eiskunstlauf habe ich daher dem Osten zugeschlagen.

3. Für die Medaillenvergabe nicht relevant waren andere, seit 1989 neu entstandene Staaten wie Eritrea oder Ost-Timor (wegen Nichtteilnahme) oder der Wechsel Hongkongs von Großbritannien nach China.


tl;dr: Die Sowjetunion triumphiert bei den Winterspielen in Sotschi. BRD-Sportler holen dreimal so viel Gold wie Klassenfeinde aus der DDR. Der Medaillenspiegel, wenn es 1989 nicht gegeben hätte.


Montag, 24. Februar 2014

SOTSCHI 2014 
Medaillenspiegel verkehrt: Welches Land wurde wie oft Letzter? 

Die Schweiz auf 6, Deutschland auf 10, Österreich
auf 19 – wenn's nach letzten Plätzen in Sotschi geht. 
Dabei sein ist alles. Dieses ur-olympische Motto habe ich mir zum Vorbild genommen für den verkehrten Medaillenspiegel der gerade zu Ende gegangenen XXII. Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Vielfach wird die Konzentration der medialen Berichterstattung auf Gold, Silber und Bronze kritisiert. Ich habe mir die Mühe gemacht, all die Sportlern mit einem eigenen Medaillenspiegel zu ehren, die in ihrem jeweiligen Wettbewerb Letzter geworden sind.


Dies zu berechnen, war gar nicht so einfach. Deshalb nun ein paar Hinweise, wie sich die links stehende Tabelle zusammensetzt.

Nicht immer ist der letzte Platz so eindeutig erkennbar wie bspw. im Skisprung der Frauen. Da sprang die Japanerin Yurina Yamada am kürzesten der dreißig angetretenen Sportlerinnen. Dafür bekommt Japan einen Eintrag in der dritten Spalte und einen ganzen Punkt, in der ausschlaggebenden vierten Spalte.

In vielen Disziplinen teilen sich mehrere Sportler die rote Laterne. Den extremsten Wert gab es beim Slalom der Männer. Dort fädelten im 1. Durchgang 38 Alpinisten ein und wurden von mir somit auf den letzten Platz gesetzt. Für ihr jeweiliges Land gab es somit einen Punkt in Spalte eins, aber nur 0,026 Pünktchen in der zweiten Spalte.

Angemeldete, aber nicht gestartete Sportler habe ich grundsätzlich nicht mitgezählt. Das gilt auch für des Doping überführte Athleten. Nicht ins Ziel gekommene Sportler habe ich auf den letzten Platz gesetzt. Natürlich zählten auch Vorrunde oder Qualifikationen. Bei Disziplinen mit Gruppenphasen zählte die jeweils schlechteste Bilanz der frühzeitig ausgeschiendenen Teams oder Athleten.

Die Bilanz zeigt: Insgesamt 59 verschiedene Länder belegten bei den 98 Entscheidungen den oder einen der letzten Plätze. Medaillen gewannen dagegen nur 26 Staaten.

Dass Japan, Südkorea und Estland (!) die Wertung anführen, hat mich ziemlich überrascht. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass die Länder, die die meisten Athleten stellen, auch sehr häufig hinten in den Ergebnislisten zu finden sein werden. Doch diese Staaten  also die USA auf Platz vier vor Kanada, Russland auf Rang acht und Deutschland auf dem zehnten Platz – schnitten ganz gut ab.

Vor allem das Ergebnis von Estland ist bemerkenswert. Der kleine Balten-Staat gewann in Sotschi nicht eine Medaille, kam aber sieben Mal auf den letzten Platz.

Dagegen sind die Bilanzen von Norwegen und der Niederlande fast makellos. 26 bzw. 24 Medaillen stehen nur jeweils drei letzte Ränge gegenüber.

Deutschland wurde achtmal Letzter. Das hält sich noch in Grenzen – die Medaillenausbeute mit achtmal Gold, sechsmal Silber und einmal Bronze dummerweise aber auch.

Bei Olympia Letzter zu sein, ist meiner Meinung nach überhaupt nicht schlimm. Das Erleben der Eröffnungs- und Schlussfeier, die Atmosphäre im olympischen Dorf und die Möglichkeit, gerade auch als Letzter Geschichte zu schreiben, müssen einmalig sein. Wer erinnert sich nicht gerne an Eddy the Eagle oder an Eric Moussambani, den bemitleidenswerten Schwimmer bei Olympia 2000 in Sydney, der auf seiner Strecke fast unterging? Dabei sein ist alles!


tl;dr: Der Medaillenspiegel der Verlierer: Japan, Südkorea und Estland belegten am häufigsten den letzten Platz in Sotschi. Deutschland mit durchschnittlicher Bilanz.


Freitag, 26. Juli 2013

UPDATE! EUROPÄISCHE LIGEN 

Der schottische FC Bayern.
Vorab-Hinweis: Der Text stammt vom 11. Februar 2013. Die Tabelle darunter und einige Anmerkungen dazu sind von heute. Die Februar-Tabelle und ein erstes Update vom 12. April 2013 stehen zum Vergleich noch in den Kommentaren.

Die Dominanz, mit der der FC Bayern München die Fußball-Bundesliga beherrscht, sorgt für erste Gähnanfälle bei Fans und Medien. Klar, eingefleischte Bayern-Anhänger können sich an den erfolgreichen Kicks ihres Vereins kaum sattsehen – was nach zwei titellosen Jahren auch wenig verwundert. Aber nicht nur auf Quoten, Auflagen und Klicks schielende Medienschaffende hätten gegen etwas mehr Rotation an der Tabellenspitze nichts einzuwenden.

Zufrieden sind maximal noch die Statistiker. Woche für Woche vermelden sie neue Rekorde und rechnen vorsorglich aus, wann die Meisterschale frühestens für die Übergabe an Philipp Lahm und Co. geputzt werden kann.

Ich habe mich aber gefragt, ob die Überlegenheit einzigartig ist – zumindest bei uns in Europa. Deshalb habe ich mich durch alle ersten Ligen der UEFA-Mitgliedsverbände (also auch Israel) gewühlt. Aufgenommen in die Statistik habe ich alle Ligen, die mitten in der Saison stehen. Die meisten skandinavischen Länder starten ja traditionell erst im April in ihre Saison.

Sortiert ist die Liste nach dem Vorsprung, den der Tabellenführer auf den zweiten Rang hat. Bei Punktgleichheit zählt die höhere Tordifferenz. Ist auch diese gleich (Andorra/Mazedonien) habe ich den Verein an die Spitze gesetzt, der weniger Ligaspiele auf dem Buckel hat.

Die Bayern sind zwar bei uns das Maß aller Dinge, in Europa aber sticht die schottische Liga heraus. Dort profitiert jedoch Celtic Glasgow vor allem vom Wegfall ihres natürlichen Duopolist-Partners. Die Glasgow Rangers wurden ja aufgrund ihrer Insolvenz gerade in die vierte schottische Division zurückgesetzt.

Von den klassischen europäischen Spitzenligen ist die Meisterschaftsentscheidung in Portugal derzeit am spannendsten. Dort trennen den amtierenden Meister FC Porto lediglich vier Törchen von Verfolger Benfica Lissabon.

Hier nun die endgültige Dominanz-Tabelle des europäischen Fußballs 2012/2013:

  1. Deutschland: 25 Punkte, +41 Tore - Bayern München - 34 Spiele
  2. Wales: 22 Punkte, +30 Tore - The New Saints - 32 Spiele
  3. Kroatien: 20 Punkte, +32 Tore - Dinamo Zagreb - 33 Spiele
  4. Schottland: 16 Punkte, +41 Tore - Celtic Glasgow - 38 Spiele
  5. Rumänien: 16 Punkte, +31 Tore - Steaua Bukarest - 34 Spiele
  6. Griechenland: 15 Punkte, +21 Tore - Olympiakos Piräus - 30 Spiele
  7. Spanien: 15 Punkte, +14 Tore - FC Barcelona - 38 Spiele
  8. Moldawien: 14 Punkte, +20 Tore - Sheriff Tiraspol - 33 Spiele
  9. Israel: 13 Punkte, +19 Tore - Maccabi Tel Aviv - 36 Spiele
  10. Frankreich: 12 Punkte, +40 Tore - Paris St. Germain - 38 Spiele
  11. Serbien: 11 Punkte, +35 Tore - Partizan Belgrad - 30 Spiele
  12. England: 11 Punkte, +11 Tore - Manchester United - 38 Spiele
  13. Georgien: 10 Punkte, +31 Tore - Dinamo Tiflis - 32 Spiele
  14. Türkei: 10 Punkte, +14 Tore - Galatasaray Istanbul - 34 Spiele
  15. Ungarn: 10 Punkte, -4 Tore - Györi ETO FC - 30 Spiele
  16. Armenien: 9 Punkte, +15 Tore - Schirak Gjumri - 42 Spiele
  17. Italien: 9 Punkte, +10 Tore - Juventus Turin - 38 Spiele
  18. Nordirland: 8 Punkte, +16 Tore - FC Cliftonville - 38 Spiele
  19. Slowenien: 8 Punkte, +7 Tore - NK Maribor - 36 Spiele
  20. Ukraine: 7 Punkte, +30 Tore - Schachtar Donezk - 30 Spiele
  21. Niederlande: 7 Punkte, -12 Tore - Ajax Amsterdam - 34 Spiele
  22. Polen: 6 Punkte, +13 Tore - Legia Warschau - 30 Spiele
  23. Albanien: 6 Punkte, +5 Tore - Skenderbeu Korce - 26 Spiele
  24. Bosnien-Herzegowina: 6 Punkte, -5 Tore - Zeljeznicar Sarajevo - 30 Spiele
  25. Andorra: 5 Punkte, +33 Tore - FC Lusitans - 20 Spiele
  26. Mazedonien: 5 Punkte, +30 Tore - Vardar Skopje - 33 Spiele
  27. Zypern: 5 Punkte, +12 Tore - APOEL Nikosia - 32 Spiele
  28. Dänemark: 5 Punkte, +7 Tore - FC Kopenhagen - 33 Spiele
  29. Montenegro: 5 Punkte, +2 Tore - Sutjeska Niksic - 33 Spiele
  30. Österreich: 5 Punkte, +1 Tor - Austria Wien - 36 Spiele
  31. Slowakei: 4 Punkte, +17 Tore - Slovan Bratislava - 33 Spiele
  32. Luxemburg: 4 Punkte, +11 Tore - CS Fola Esch - 26 Spiele
  33. Schweiz: 3 Punkte, +14 Tore - FC Basel - 36 Spiele
  34. Aserbaidschan: 3 Punkte, +10 Tore - Neftci Baku - 32 Spiele
  35. San Marino, Gruppe A: 3 Punkte, 9 Tore - Libertas Borgo Maggiore - 20 Spiele
  36. San Marino, Gruppe B: 3 Punkte, 0 Tore - SS Folgore/Falciano - 20 Spiele
  37. Belgien: 2 Punkte, +5 Tore - RSC Anderlecht - 40 Spiele
  38. Russland: 2 Punkte, -4 Tore - ZSKA Moskau - 30 Spiele
  39. Tschechien: 2 Punkte, +1 Tor - Viktoria Plzen - 30 Spiele
  40. Bulgarien: 1 Punkt, +6 Tore - Ludogorez Rasgrad - 30 Spiele
  41. Portugal: 1 Punkte, -1 Tor - FC Porto - 30 Spiele
  42. Malta: 0 Punkte, +2 Tore - FC Birkirkara - 32 Spiele

Einige Anmerkungen noch:
  • Showdown: Nur in Portugal konnte der „April-Meister“ noch abgefangen werden. Von Februar bis April hatte es noch in sieben Ländern neue Tabellenführer gegeben: Aserbaidschan, Malta, Niederlande, Portugal, San Marino (Gruppe A), Schweiz und Zypern.
  • Konstanz: 20 mal wurde im Endspurt der Vorsprung des Tabellenführers größer (von Februar bis April noch 23 mal), in 19 Ländern wurde es enger (von Februar bis April nur 12 mal).
  • Besonderheit: In Malta wurde der Meister durch ein Entscheidungsspiel bestimmt, in San Marino in einer K.o.-Runde.

tl;dr: Der FC Bayern wurde überlegen Deutscher Meister. Auch im europäischen Vergleich sind die Bayern das Non-Plus-Ultra. Alle Meister im Dominanz-Check.


Freitag, 17. August 2012

LONDON 2012 
Wie schnitten UdSSR, DDR, Jugoslawien & Co. ab? 

Nur eine  zugegeben unrealistische und politisch etwas inkorrekte  Spielerei, klar. Aber trotzdem immer wieder spannend. Wie schnitten die Nationen bei den Olympischen Spielen in London ab, wenn es die Revolutionen ab 1989 nicht gegeben hätte? Wenn also die UdSSR, die beiden deutschen Staaten BRD und DDR, Jugoslawien und die Tschechoslowakei noch existieren würden?

Es gab übrigens nicht nur diese Revolutionen in Osteuropa, nein seit 1989 sind viele neue Staaten wie Eritrea oder Ost-Timor entstanden. Die meisten sind bitterarm und spielen bei den Medaillenvergaben leider (noch) keine Rolle. Ausnahme: Hongkong, das damals noch britische Kronkolonie war. Seit der Unabhängigkeit am 30. Juni 1997 ist die Metropole eine Sonderverwaltungszone Chinas und konnte sich in London über eine Bronzemedaille im Bahnradfahren der Frauen freuen.

Paar Details zur innerdeutschen Berechnung: Gewichtet wurde der Geburtsort der Medaillengewinner. Wer in den fünf nicht mehr ganz so neuen Bundesländer oder in einem der östlichen Bezirke Berlins auf die Welt kam, zählt zur DDR-Statistik, die anderen zur BRD. Gewannen Teams aus mehreren Sportlern Medaillen, war ausschlaggebend, aus welchem Teil mehr Sportler kommen. In einem Team gab es einen Gleichstand, deshalb kommen beide ehemalige deutsche Teilstaaten auf exakt 5,5 Goldmedaillen. Ist ein Sportler in einem ehemaligen Ostblock-Land geboren (davon gab es einige), habe ich die Medaillen ebenfalls der DDR zugeschlagen.

Fett markiert sind in beiden Listen die Staaten, bei denen es Veränderungen gab.

Noch einmal: Diese Berechnung ist natürlich unrealistisch. Genauso übrigens wie der Medaillenspiegel, der die EU als eigene Mannschaft ausweist (und der seit Beginn der Olympischen Spiele in den sozialen Netzwerken herumgeistert). Warum unrealistisch? In den einzelnen Disziplinen dürfen pro Teilnehmerland nur drei Akteure antreten. In London traten für die UdSSR- oder die EU-Gruppe aber teilweise bis zu 40 Athleten an – eine extreme Wettbewerbsverzerrung.

Und jetzt warte ich auf Berichtigungen. (-:


tl;drErfolgreichste Nation bei den Olympischen Spielen war die UdSSR – wenn es 1989 nicht gegeben hätte. Die BRD schlägt die DDR ganz knapp.




Montag, 13. August 2012

LONDON 2012 

Was für eine launige Schlusszeremonie!
Waren das tolle Spiele in London? Und ob! Diese XXX. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit, wie sie offiziell heißen, bereiteten Milliarden Menschen viel Freude. Es gab fantastische Wettkämpfe mit 44 Weltrekorden, große Emotionen bei Siegern und Besiegten.

Sicherlich waren die Spiele nicht ganz so monströs-gigantisch wie noch vor vier Jahren in Peking, dafür konnten die Organisatoren mit ihrem legendären britischen Humor dem Ereignis eine ganz besondere Note geben.

Nur vier der vielen unvergesslichen Höhepunkte:


Aber bei uns wird am meisten über das vermeintlich schlechte Abschneiden der Deutschen diskutiert. Uff. Und das sogar mit teilweisen peinlich-lächerlichen Argumenten. Ich fasse kurz paar Eindrücke zusammen, die man in dieser Zusammenstellung so wohl nur in Deutschland machen kann.

  • Da ziehen Journalisten die Zielvereinbarungen (dazu gleich mehr) ins Lächerliche, beklagen dann aber am nächsten Tag eine zu geringe Ausbeute an Medaillen.
  • Einige lehnen eine Fixierung auf Medaillen strikt ab, jubeln aber am lautesten über überraschendes Gold, Silber oder Bronze.
  • Andere Anti-Medaillen-Fixierer zitieren aus der Zielvereinbarung. Aber nur Zahlen. Und den Lesern werden Hintergründe und Zusammenhänge verschwiegen.
  • Und die, die sonst jederzeit das ganze deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunksystem infrage stellen, fordern nun lautstark, ARD und ZDF müssten mehr Geld in den Breitensport stecken.

Ich bin mir sicher, es lohnt sich, einmal genauer hinzuschauen. Paar Zahlen und Einschätzungen für Statistik-Freaks wie mich. Fangen wir mit den ominösen Zielvereinbarungen an. Einige Punkte dazu:


Die Zielvereinbarungen und Ergebnisse unserer London-
Athleten. (Quellen: sid, eigene Berechnungen)
Erstens handelt sich um ein Papier zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seinen Fachverbänden, nicht um den „CSU-Plan für Olympia“ oder die „Vorgaben des Bundesinnenministeriums“. Vor allem ist es kein Papier des für den Sport zuständigen aktuellen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Der war bei Unterzeichnung des Papieres vor vier Jahren gerade einmal stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Innenminister war damals ein gewisser Wolfgang Schäuble.
Zweitens: Die Diskussion um das Abschneiden des „Team Deutschland“ gibt es schon seit es Olympische Spiele gibt. (Übrigens nicht nur bei uns.) Als Konsequenz aus den letzten beiden enttäuschenden Spielen wurde das Sportfördersystem in unserem Land umgestellt. Ein Baustein ist diese Vereinbarung. Und die Ergebnisse aus London zeigen nun ja in die richtige Richtung. Hier wäre vielleicht auch einmal ein Lob angebracht.

Drittens: Sportarten, die schlecht abschneiden, müssen nicht – wie oftmals berichtet – mit dem Wegfall oder einer starken Kürzung ihrer Förderung rechnen. Es kann vielmehr sogar sein, dass diese Sportart nach einer umfangreichen Analyse mehr Mittel bewilligt bekommt. Das war früher anders.

Viertens: Klar, es war sehr unklug die Veröffentlichung des Papiers verhindern zu wollen – gerade auch von Hans-Peter Friedrich. Dass das Papier dann pünktlich am Ende der Spiele seinen Weg in die Öffentlichkeit findet, blamiert die Verantwortlichen. So kann jetzt jeder die nackten Zahlen (Vorgaben zu Ergebnisse) vergleichen. Eine grandiose Steilvorlage für den deutschen Hang, sich selbst zu kritisieren. Wäre der Bericht schon Monate vorher bekannt und diskutiert worden, die Aufregung um das Verfehlen der Medaillenziele wäre jetzt nicht mehr so groß.

Fünftens: Und hey, da stehen in der Vereinbarung Ziele drin. Mit konkreten Zahlen. Na und? Das ist nun einmal ein Wesenszug des Sports. Man kann ihn messen. Sogar ganz konkret in Gold, Silber und Bronze. Das ist ein, vielleicht sogar der entscheidende Unterschied zur Kunst und zur Kultur. Diese Ziele waren vor Jahren, als die Vereinbarungen fixiert wurden, nicht völlig aus der Luft gegriffen. Als Beweis kann man die Leichtathletik nehmen. In Peking gab es nur eine einzige olympische Medaille. Diesmal sollten es acht werden. Und es wurden – acht.

Der erweiterte Medaillenspiegel (Auszug). Im
Vergleich kann sich die Bilanz sehen lassen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass einige Sportarten auch mal schlechter abschneiden. Es ist menschlich vollkommen nachvollziehbar, dass – wenn es über Jahre hinweg gut läuft und man in einer Disziplin führend ist – andere Nationen irgendwann den Rückstand aufholen, weil sich andere, innovative Trainingsmethoden durchsetzen oder auch nur mal ein Athleten-Jahrgang nachrückt, der nicht ganz so viele Talente hervorbringt. Diese Erfahrung musste beispielsweise auch schon der deutsche Fußball machen. Erst ein Debakel bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 konnte Strukturen innerhalb des Verbandes aufbrechen und neue Erfolge ermöglichen. Die deutsche Leichtathletik lag vor vier Jahren quasi in Schutt und Asche, konnte sich aber nun deutlich erholen. Nun hat es mit voller Wucht die Beckenschwimmer, die Schützen und die Springreiter erwischt. Die Gründe hierfür sind in erster Linie in den Sportarten selbst zu suchen.

Natürlich zählen nicht nur die Medaillen. In vielen Sportarten gibt es zum Schluss immer Finals. Meist qualifizieren sich die besten acht Teilnehmer des Wettkampfs für diese Endrunden. In vielen Sportarten wird ein Finaleinzug von den Athleten bereits als Erfolg gewertet. Ob man dann selbst in den Kampf um Gold, Silber und Bronze eingreifen kann, ist oft von der Tagesform oder auch nur von Glück abhängig. Deswegen ist eine Auflistung aller Platzierungen unter den ersten acht sinnvoll. Deutschland ist in dieser breiter ausgelegten Statistik mit China und Großbritannien nahezu gleichauf.

Medaillenspiegel, wenn man die Medaillen
in Relation zu 1 Million Einwohnern nimmt.
Aber gehen wir ins Detail. Auffällig stark waren in den Finals die USA und China, also die beiden Nationen mit den meisten Goldmedaillen. Die größte Häufung ihrer Einzelplatzierungen gibt es tatsächlich in der Gold-Spalte – das schafft niemand sonst. Im Vergleich scheidet Deutschland am besten auf den Rängen fünf und sechs ab. Aber Achtung: Mein Eindruck ist, dass die Voraussetzungen in den einzelnen Disziplinen doch sehr verschieden sind. Es wäre zu platt, wenn man konstatiert, nur die USA und China hätten den richtigen Biss.

Aussagekräftig ist auch der Staaten-Vergleich, wenn man den Medaillenspiegel in Relation zur Bevölkerung stellt. Da können sich zwar kleine Karibikstaaten mit ihren „Wunderläufern“ weit oben platzieren, Deutschland liegt hier aber in einem guten Umfeld vergleichbarer Nationen wie Russland oder Frankreich. Deutlich besser sind beispielsweise Australien, die Niederlande und Großbritannien. Aber Italien, Spanien, selbst die USA, Japan und China liegen dann doch sehr weit zurück.

Bei aller Kritik an einzelnen Disziplinen oder dem Fördersystem insgesamt: Die London-Spiele markieren eine Trendwende. Erstmals seit 1992 wurden wieder mehr Medaillen gewonnen. Der Hauptgrund für den weltweit beispiellosen Einbruch in den letzten zwei Dekaden ist ja ein eigentlich sehr positiver – die Deutsche Einheit. In Zeiten des Kalten Krieges nutzten beide deutsche Teilstaaten  den Sport, um im Kampf der Systeme ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. 1992 in Barcelona profitierte Deutschland auch noch ein letztes Mal von den umstrittenen Ausbildungssystemen der untergegangenen DDR – Doping inklusive.

Im Zeitverlauf sticht die enorme Entwicklung Großbritanniens hervor. Nach katastrophalen Spielen in Atlanta 1996 hat sich das Königreich durchgehend verbessert. Den Aufstieg Chinas zu einer Sportmacht muss man dagegen vor allem mit ihren Heim-Spielen in Peking vor vier Jahren verknüpfen.

Im Zeitverlauf (Gesamtmedaillen) wird deutlich:
Heim-Spiele haben einen großen Effekt.
Mit Blick auf die australische Bilanz rund um Sydney 2000 merkt man, dass eine gewissenhafte Förderung von Talenten im Hinblick auf Olympische Spiele im eigenen Land auch acht  Jahre später noch wirksam ist. Doch ewig hält dieser Effekt nicht an; damit müssen sich spätestens ab jetzt die chinesischen und britischen Sportfunktionäre auseinandersetzen.

Erstaunlich konstant sind die Ergebnisse unserer Nachbarn Frankreich und Niederlande. Mich würde es nicht überraschen, wenn Deutschland sich in Zukunft ähnlich stabil entwickelt und durch kluge Sportförderung in etwa das Niveau der Jahre 2004 bis 2012 hält.

Kurz vor, während und kurz nach Olympischen Spielen ist der Ruf nach größerer finanzieller Unterstützung für den Sport seitens des Staates groß, ja sogar populär. Geht aber etwas Zeit ins Land, vermelden Arbeitsämter neue Erwerbslosen-Statistiken oder stehen in den Parlamenten neue Haushaltsrunden an, wird es um den Breiten- und Spitzensport schnell ruhig. Ich bin sehr gespannt, ob die gleichen Vertreter in Sport, Politik und Medien, die jetzt lautstark trommeln, bald noch vernehmbar sind. Ich bleibe dran.

Den größten Schwung für die Zukunft von Deutschlands Athleten würde aber etwas ganz anderes bringen: Bewerbt Euch endlich um die Olympischen Sommerspiele in Berlin 2024 oder 2028! Von London lernen, heißt Siegen lernen.


tl;drDie Olympischen Spiele in London waren großartig. Und die Deutschen sollten sich über das Abschneiden ihrer Sportler freuen. Die waren nämlich gar nicht so schlecht.