Samstag, 13. Juli 2013


Bambis Liebling: 1 Million Abrufe in 2 Tagen.
Gestern Abend kurz was über die Aufregung zum neuen Song von Bushido gelesen. Heute Morgen war meine halbe Facebook-Timeline mit Artikeln und Kommentaren zugepflastert. Also habe ich mir eben das Video von Shindy feat. Bushido „Stress ohne Grund“ einmal genauer angesehen.

Ich bin weder Anhänger von Bushido, noch seiner Musik, muss ihm dennoch Respekt zollen. Die ganze Geschichte ist perfektes Marketing für ihn und seinen Kompagnon. Der Song ist wohl eher mittelklasse, der Text unterirdisch. Klar, Claudia Roth, „Kay“ Wowereit und Serkan Törun kommen nicht gut dabei weg. Aber deswegen klagen? Das ist von Herrn Anis Mohamed Youssef Ferchichi doch so kalkuliert.

Auf YouTube knackt der Clip innerhalb von zwei Tagen die Millionen-Grenze und entwickelt sich damit zu einem der erfolgreichsten Videos in deutscher Sprache. Alle 10 Sekunden wird auf Bushidos eigenem YouTube-Kanal kommentiert.

Diese Kommentare finde ich bedenklicher als Bushidos Texte und die Aufregung in den Medien. Ein Ausschnitt aus 30 Minuten (Samstag, 13. Juli, 14:30 bis 15:00 Uhr):

glanz harr: "Selin toprak du fotze"
Tolgahan SelbCity: bushido hat erreicht was er wollte nämlich was ihr alle wichser macht "diss" kutieren!!!einfach nur hamma dieser text weiter sooo kay du basstard bist jetzt vogelfrei!!
SuperYesyesyo: Würde das ein Deutscher rappen, würde der TExt in etwa so lauten: "Jeden Tag im Fadenkreuz, ich zeig dir wie der Hase läuft. Amerikanisch-deutsche Sippe, ich jage euch ihr Islamisten Boys. Du versteckst dich, aber ich finde dich wie google maps. Ich verkloppe Salafisten-Opfer und schlag dir in die Fresse bis zur Ohnmacht, ihr Islamisten werdet gefoltert, ich schieße auf Pierre Vogel und er kriegt Löcher wie ein Goldplatz".
kosovaboss10: hahahah frag mal deine hübsche Mutter wie viele Ex-Freunde die hatte bevor dein Vater reingespritz hat....hahah....denk nicht das dein Vater sie entjungfert hat hahahha du Hurensohn
Eriction1220: schwänze kauen auch...^^
RayxRayxOffenbach: Heult euch doch woanders aus ihr nuttenkinder wenn ihrs net verkraften könnt warum klickt ihr das video überhaupt an???
Deppen die dümmer sind als die dümmsten blonden opfer die nur kloppe verdienen geht und kritisiert eure hurenmütter so einfach ist es...
k1onax767: bombe bombe. seit dem pobereit in berlin am start ist sieht man mehr schwulenclubs als Schulen
Tolgahan SelbCity: ich schieß auf claudia roth und sie kriegt löcher wie ein golfplatz einfach nur hamma diese line;)
Rhalubi3: DEUTSCHLAND IST EH EIN NAZI,VERGEWALTIGER UND KINDERSCHÄNDER FREUNDLICHES LAND UND DEREN ANFÜHRER SIND UNSERE POLITIKER (AUSLÄNDER DIE AUF DEUTSCH MACHEN) UND EINE STASI HÜNDIN ALSO WORÜBER REGT IHR EUCH EIGENTLICH SO KÜNSTLICH AUF ? LANG LEBE ERSGUTER JUNGE UND DER GESAMTE ABOU CHAKER CLAN !!! UND IHR HATER EUCH SOLL DER BLITZ BEIM KACKEN TREFFEN !!!
curuba42: Es werden täglich Songs von Rappern veröffentlicht, die genau dieselbe Intention vermitteln. Der einzige Unterschied: Bushido benennt Namen. Ob man das verurteilen sollte? - Ich denke nicht.
Emre Güler: Fick die presse king BUSHIDO
Sijabend Bakis: doch aber keine hurensöhne hahaha :D
MrYoungRonaldo: Wenn es so bastarde wie du es in unsere Gesellschaft geschafft hat dann sind shindy und bushido wirklich ein scheiß dreck gegen. So leuten wie dir sollte man ins Gesicht spucken! ;)
raptightflow: wenn ich die wahl habe zwischen dem homo gay und nem halbwegs akzeptablen maskulinen vorbild, dann will ich lieber das mein kind bart trägt und hurensohn sagt als das er wiene frau rumläuft#
Huren Sohn: Dieses Arschlochgehört in den Knast! Denkt wohl er sei der BIG BOSS in Berlin
Ilyas Schweigener: Nicht Gesellschaftsfähiges Missst!!
Verfassungsfeindlich und naja...diese Typen haben kein Niveau!
Dumm wie Brot! Geht in den Wald, da könnt ihr so leben und euch gegenseitig zerstören:

WIR WOLLEN EINE LIBERALE GESELLSCHAFT!

wenn diese Gesellschaft nicht wäre, dann würdet Ihr schon längst in den KZ's dampfen!
XXD212: dafür habt ihr Kanaken viel zu kurze Schwänze....
hahahahahahahahahahahahahahaha­hah

hahahahahahahahahahahahahahha

hahahahahahahaha
xiNNNNy: ja man einfachh nur übelst geil
Frittenoma: Bushido und Co bitte mal zurück in deren Heimatländer, dort bekommen sie dann mal eine ordentliche Ladung auf den goldenen Rapperhintern. Eine Schande für die deutsche Sprache!
Perser Gee: Nazifotze
Isabela M.: dann guck dich erstmal an du spast!
raptightflow: digga bitte steck kay ins auto und zünd ihn an aber bitte nimm opel astra oder so, die schwuchtel ist es nicht wert,zu schöne auto. kay sieht aus wie wolowitz von tbbt. knall enge bunte jeans, v auschnitt top aus frauenabteilung und so. ich krieg meine aggressionen ggn den hurensohn, prince gay one mit homo musik und sonne und so, bitte mach arabergangstyle fistung.
Hendrik Thomas: Kanackenscheisse

Zur Klarstellung: Natürlich finde ich Bushido Kacke und die Botschaft, die er unters junge Volk bringt, widerwärtig. Meine Fragen sind jedoch: Sollte man ihm diese Bühne geben? Sollten nicht eher diese Kommentare hier eine breite Bildungs-, Kultur- und Integrationsdebatte auslösen?

Nachtrag (13.07.2013, 16:30 Uhr): Jetzt wurde das Video bei YouTube gesperrt. Aber ich habe ja zumindest paar Kommentare für die Nachwelt gesichert. Das Video ist aber noch bei YouTube zu finden, da es von vielen anderen Nutzern kopiert und ebenfalls hochgeladen wurde.


tl;dr: Die Aufregung über den neuen Song von Bushido schlägt hohe Wellen. Bei YouTube kommentiert die Bushido-Zielgruppe. Ein Auszug.


Sonntag, 7. Juli 2013


Populistisch bis rassistisch: WirtschaftsWoche.
Viele Medienhäuser entdecken in der Zeitungskrise eine neue Zielgruppe: Schüler. Man hofft durch altersgerechte Ansprache die Jüngsten an ihre auf Papier gedruckten Erzeugnisse zu gewöhnen. Die „Welt am Sonntag“ hatte von 2008 bis 2011 mit der Serie „kinderleicht“ sehr anschaulich Begriffe und Hintergründe aus der Wirtschaftswelt erklärt – und dafür zurecht auch Preise abgeräumt.

Durch Zufall bin ich jetzt erstmals auf das Heft „WirtschaftsWoche Schule: Einfacher, als du denkst (2/2013)“ gestoßen, das der regulären WiWo (Nummer 27, vom 1.7.2013) beiliegt. Das Heft widmet sich auf 17 redaktionellen Seiten den Schulden. Thematisiert wird die ganze Bandbreite von privaten Schuldenfallen von Jugendlichen, über Verbindlichkeiten von Fußballclubs bis natürlich die aktuelle EU-Krise.

Corpus Delicti: Nordler arbeiten, Südler feiern.
Und letzteres auf so abenteuerliche Weise, dass ich inständig hoffe, dass niemals ein Schüler dieses Presseerzeugnis zu Gesicht bekommt.
Eine Bildergeschichte in zehn Akten, versehen mit je einem kleinen Text, versucht die Schuldenkrise der Euro-Zone zu erklären – liefert aber nur tiefsitzenden Ressentiments gegenüber Südeuropäern Zündstoff.

Das fängt schon bei den Bildern an. Die Nordeuropäer sind freilich alle blond und schlank. Der dargestellte Südländer trägt Schnurrbart und dunkle Haarpracht. Während die germanische Frau das Haus putzt oder gerade von der Arbeit kommt, liegen die faulen Mittelmeeranrainer im Liegestuhl oder cruisen mit ihrem neuen Mercedes durch die Gegend.

Respekt: „WiWo“ lies nahezu kein Klischee aus.
Die Story ist schnell wiedergegeben. Nord- und Südfamilien wollen in ein gemeinsames Haus (symbolisch für die Euro-Währungsgemeinschaft) ziehen, um Kosten zu sparen. Alle verpflichten sich, keine neuen Schulden zu machen. Doch aus dem Westen zieht ein Sturm (die Finanzkrise) auf, der das Haus beschädigt. Da der Südler über seine Verhältnisse gelebt hatte, müssen nun die reichen Nordfamilien das Haus alleine reparieren.

Der Ansatz, komplizierte Vorgänge auch jugendgerecht aufzuarbeiten, ist großartig. Aber bitte ernsthaft, ohne Klischees. Auch sollten wirklich alle Fakten benannt werden. Es sind nämlich nicht nur die Schulden in Südeuropa, die den Euro – und damit uns alle – sabotieren.

Unsympathisch, geldgierig: Der Südeuropäer.
Auch ist der Zusammenhang zwischen Schulden und Wirtschaftswachstum derzeit arg umstritten. Nirgends ist von den großen, schmerzhaften Sozialreformen, die derzeit den Süden unseres Kontinents schmerzen, die Rede.

Nein, die Bilderstrecke erweckt den Eindruck, die reichen Nordstaatler zahlen alleine für den faulen Süden. Dies populistisch zu nennen, ist noch freundlich formuliert. Weniger besonnene Zeitgenossen werden hier latenten Rassismus erkennen. Ist diese Lektüre wirklich so jugendgerecht?


tl;dr: Die „WirtschaftsWoche“ erklärt Schülern die EU-Schuldenkrise – und fischt dabei in gefährlich bräunlichem Gewässer.


Dienstag, 2. Juli 2013

TICKETHANDEL 

Katharina Strohmeyer versuchte das Schlimmste zu verhindern. (Foto: Olli All, Facebook)

Derzeit genieße ich die fußballlose Sommerpause. Hin und wieder schrecken mich aber Nachrichten aus der Welt des runden Leders auf. Die zur Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 am Samstag gehörten dazu.

In den sozialen Netzwerken wurden die Beiträge meiner Facebook-Freundin Katharina Strohmeyer stark debattiert. Unter anderem schrieb sie gestern vorgestern, emotional aufgeladen:

„Noch 2 Stunden, dann wird auf Schalke der Ticket-Schwarzmarkt für immer und ewig legalisiert! In den vergangenen Wochen habe ich tiefe Einblicke in die Entscheidungsprozesse des FC Schalke 04 und den Umgang der Vereinsführung mit den Mitgliedern bekommen. Ich bin erschüttert. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Auf Schalke wird deutlich mehr gelogen, als in der Politik! Weil zur Jahreshauptversammlung kein einziger der etwa 35 Anträge zugelassen wurde, habe ich einen "wasserdichten" Eilantrag gestellt. Auch dieser sollte abgeschmettert werden. Ich bin auf die Bühne und habe den Antrag (mit Unterstützung von Frank Zellin) vor etwa 9.000 Mitglieder zur Abstimmung gebracht. Das Ergebnis: Ca. 80 Prozent der Mitglieder wollen, dass Die Vereinsführung den Vertrag mit Viagogo kippt – und zwar noch heute. Was macht der Vorstand? Sitzt das aus. Was macht die Presse? Schweigt zu der Abstimmung. In zwei Stunden sitzen die Schwarzmarkt-Ganoven bei Sekt und Nutten zusammen – von unserem Geld. Und was mache ich? Ich sitze zu Hause, kann jetzt nichts mehr tun und bekomme im Minutentakt Nachrichten von "wildfremden" Schalkern, die sich bei mir für meine spontane Rede bedanken. Dafür, dass endlich mal einer den Arsch in der Buchse hatte, den Herren auf dem Podium zu sagen, dass die Vereinssatzung auch für Vorstand und Aufsichtsrat gilt und nicht nur für das Fußvolk. Liebe Schalker, danke für Eure Unterstützung! Nach jeder neuen Nachricht, wischt mein Freund mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich bin tieftraurig. Mein blau-weißes Herz, es weint ...“

Was ist denn da los?

Schalke 04 wird die nächsten drei Jahre mit der Online-Ticketbörse Viagogo zusammenarbeiten. Der Vereinsführung um Aufsichtsratschef Clemens Tönnies sind die angebotenen 1,2 Millionen Euro jährlich für die Kooperation zu verlockend. Ein Großteil der Vereinsmitglieder möchte dies jedoch verhindern. Zu mies ist das Image von Viagogo, zu groß sind die Befürchtungen, dass nun die Ticketpreise beim Revierclub explodieren.

Wie Viagogo arbeitet und welche Erfahrungen man macht, wenn man den Service selbst nutzt, hat Stefan Merx neulich – und zu Recht vielbeachtet – notiert.

Viagogo argumentiert pharisäerhaft, man bringe einfach Angebot und Nachfrage zusammen und biete seinen Kunden ein „einmaliges Erlebnis“. Meist sind die Tickets aber nur einmalig teuer. So sollen beispielsweise am Tag vor dem diesjährigen Champions-League-Finale in London noch Tickets für mehr als 25.000 Euro (inklusive einem Essen in der VIP-Lounge) den Besitzer gewechselt haben.

Freilich: Je teurer die Eintrittskarte, desto mehr verdient Viagogo. Die Plattform nimmt vom Verkäufer zehn und vom Ankäufer 15 Prozent des Preises. Jeweils, wohlgemerkt!

Dem wollten die Vereinsmitglieder von Schalke 04 einen Riegel vorschieben. Was bietet sich da besser als die Jahreshauptversammlung an? Antrag stellen, leidenschaftlich diskutieren, abstimmen und fertig.

Denkste! Mit Verfahrenstricks versuchten die vom Schalke-Vorstand engagierten Top-Juristen einer renommierten Essener Kanzlei den Fan-Aufstand zu verhindern. Zig Anträge wurden erst gar nicht zur Abstimmung zugelassen, die Diskussion darüber im Keime erstickt. Erst als Frank Zellin und Katharina Strohmeyer den in der Satzung vorgesehenen Eilantrag stellten, gab sich der Vorstand vermeintlich geschlagen.

„Eilantrag zur Jahreshauptversammlung am 29. Juni 2013:
Die Jahreshauptversammlung möge über das Thema „Bekämpfung des Ticketschwarzmarkts“ ergebnisoffen diskutieren. Anschließend wird ein Meinungsbild im Wege einer rechtsfolgenlosen Probeabstimmung darüber eingeholt, ob der Verein an dem Vertragsverhältnis mit Viagogo festhalten soll oder ob das Vertragsverhältnis noch vor Inkrafttreten wieder rückgängig gemacht werden soll.
Begründung: Das Thema „Bekämpfung des Ticketschwarzmarkts“ ist für die Mitglieder des FC Schalke 04 von grundsätzlicher Bedeutung. Wer Vereinsmitglied ist, hat auch ein Interesse daran, die Spiele der ersten Mannschaft im Stadion mitzuerleben. Dies kann er nur, wenn Karten zu bezahlbaren Preisen erhältlich sind. Wird jedoch dem Ticketschwarzmarkt kein Einhalt geboten, steigen die Eintrittspreise in astronomische Höhen. Darüber hinaus hat jedes Mitglied auch ein besonderes Interesse an einem sicheren Stadionerlebnis. Bietet ein offener Schwarzmarkt aber jedem die Möglichkeit, Karten für Schalke-Fanblocks zu erwerben, führt dies unweigerlich zu einer Durchmischung der Anhänger verschiedener Vereine und somit zu einem erheblichen Sicherheitsrisiko.
Vor knapp zwei Wochen hat sich die Rechtslage hinsichtlich der Möglichkeiten zur Bekämpfung des Ticketschwarzmarkts massiv verschoben. Der Hamburger SV hatte gerichtlich durchsetzen wollen, dass der Online-Ticketanbieter Seatwave keine Karten für HSV-Spiele verkaufen darf, da er diesen als Schwarzmarkthändler einstuft. Das Oberlandesgericht Hamburg hat jedoch in letzter Instanz entschieden, dass der HSV hinnehmen muss, dass HSV-Tickets auf dem Schwarzmarkt angeboten und verkauft. Die Begründung der Richter: Der Hamburger SV hatte zuvor einen Vertrag mit der Ticketplattform Viagogo abgeschlossen und damit selbst eine Abkehr von der Bekämpfung des Schwarzmarktes vollzogen. (Der zugrundeliegende Rechtsgrundsatz lautet „venire contra factum proprium“ oder auf deutsch „Zuwiderhandlung gegen das eigene frühere Verhalten“).
Dieses Urteil ist entsprechend auch auf den FC Schalke 04 anwendbar. In der Vergangenheit hat der Verein den Schwarzmarkt stets mit allen erdenklichen Mitteln bekämpft. Und zwar den Schwarzmarkt „im großen Stil“ im Internet ebenso, wie den Einzelkartenverkäufer vor dem Stadion. Das Ziel war stets, die Sicherheit der Fans im Stadion zu gewährleisten. Da aber auch Schalke ab dem 1.7.2013 einen Vertrag mit der Ticketplattform Viagogo hat, sind dem Verein bei der Bekämpfung des Schwarzmarkts die Hände gebunden. Es steht zu befürchten, dass zum einen Ticketpreise explodieren, zum anderen massive Sicherheitslücken entstehen.
Der Jahreshauptversammlung ist deshalb Gelegenheit zu geben, unter diesem Eindruck der neuen Rechtslage, über die Möglichkeiten der Schwarzmarkt-Bekämpfung zu diskutieren. Im Wege einer rechtsfolgenlosen Probeabstimmung soll die Meinung der Mitgliederversammlung eingeholt werden, die dem Vorstand als bloße Empfehlung für das weitere Vorgehen mit an die Hand gegeben wird. Ob der Vorstand sich an dieser Empfehlung orientiert, bleibt ihm schließlich selbst überlassen.“

Rund 80 Prozent der Mitglieder gaben dem Antrag ihre Zustimmung; eine überwältigende Mehrheit. Aber was macht der Vorstand? Er ignoriert das klare Signal seiner Mitgliederschaft und hält am Viagogo-Deal fest. Die Frage muss schon gestellt werden: In was für einer (Vereins-)Demokratie leben wir, wenn der offensichtliche Mehrheitswunsch so niedergeschmettert wird?

Nochmal zum Kern des Problems mit Viagogo aus meiner Sicht. Es geht nicht nur darum, dass die Tickets demnächst für viele Fans teurer (und somit für viele unerschwinglich) werden. Viagogo hetzt die Fans quasi gegeneinander auf. In Zeiten voller Stadien wird an die niedrigen Instinkte der glücklichen Ticketbesitzer (Dauerkarten-Inhaber oder welche, die Losglück hatten) appelliert: Rufe Fantasiepreise auf, tausche dein Ticket gegen einen Batzen Kohle!

Auch früher hat man Tickets getauscht. Der eine oder andere hat mal einen kleinen Aufpreis für die Organisation draufgeschlagen. Unter den wahren Fans gab es aber eine Art Ehrenkodex, an den sich die meisten hielten: Kein Schwarzhandel unter Fans! Jetzt, da sich Ver- und Ankäufer nur noch online treffen, wird dieser Kodex ausgehöhlt. Für mich ist das die moderne Form von ... – das schreibe ich aus juristischen Gründen hier lieber nicht.

Ich bin kein Schalke-Fan und will das Problem nicht allein auf diesen Verein abwälzen. Aber jüngst hat Branchenprimus Bayern München, der erste Verein der in Deutschland mit Viagogo kooperierte, seinen Fehler eingesehen und lässt den Vertrag mit der Ticketbörse zum Ende der neuen Saison auslaufen. Der HSV hat seinen Vertrag gar gekündigt. Heute kann sich niemand mehr hinstellen und Viagogo als seriösen Partner verkaufen.

Die Entscheidung für die 3,6 Millionen Euro (in den drei Jahren) wird sich für Schalke 04 negativ auswirken. Das Image des Vereins nach außen und der Frieden nach innen hat durch die Diskussionen am Wochenende nicht unerheblichen Schaden genommen. Wohlgemerkt ein Verein, der sonst so stolz auf seine Arbeiterherkunft ist.

Und noch etwas: Wie aufgeheizt die Stimmung vor Ort war, zeigt dieser Videoschnipsel:


Nachtrag (05.07.2013): Das war übrigens mein bisher meistgeklickter Artikel aller Zeiten. Das liegt wohl am Thema und an der Weiterverbreitung. So hatten sowohl die Presseschau von Fokus Fußball als auch die der 11Freunde mich verlinkt. Bei ersterer wurde ich tags darauf sogar zum Besten Link des Vortages ernannt. Auch der königsblog brachte einen Hinweis. Dazu kamen Hinweise und Retweets bei Twitter. Danke an alle!

Nachtrag (07.07.2013): Nachdem die 11Freunde auf den Text aufmerksam wurden, interviewten sie Katharina Strohmeyer.

Nachtrag (09.07.2013): Alle Viagogo-Gegner konnten es heute kaum glauben: Schalke 04 löst die Verbindung zu Viagogo fristlos. Da bekam Katharina Strohmeyer auch gleich ihr zweites Interview. Was Social Media alles bewegen kann. (-:


tl;dr: Der Streit um die umstrittene Ticketplattform Viagogo eskalierte am Wochenende bei der Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04.


Sonntag, 30. Juni 2013


Kraft statt Steinbrück?
(Foto: hannelore-kraft.de) 
Seit Wochen mache ich mir Gedanken um die alte Tante Es-Pe-De. Das Werberherz in mir fühlt sich ob der deprimierenden Umfragewerte herausgefordert: Was müsste man im Willy-Brandt-Haus jetzt tun, um das Ruder noch herumzureißen oder zumindest den Abstand auf die Union erträglicher zu gestalten? Egal welche Strategie-Idee mir einfällt, sofort gibt’s immer ein Gegenargument: Peer Steinbrück. Deshalb hilft wohl nur eins. Austausch des Kanzlerkandidaten. Jetzt. Sofort.

Wie ist die Ausgangslage?

Die Lage der SPD ist hoffnungslos. Das sagen – hinter vorgehaltener Hand – mittlerweile auch SPD-Wahlkämpfer. Zu gut ist die wirtschaftliche Lage unseres Landes, zu mies das Auftreten von Peer Steinbrück, zu gut die persönlichen Werte von Angela Merkel, zu mies die Aussichten, noch überhaupt ein Thema zu finden, das die Kanzlerin nicht handstreichartig okkupiert.

Kann Steinbrück nicht wie Gerhard Schröder 2002 und 2005 noch aufholen?

Hihi, was für eine blöde Frage. Dazu bräuchte Steinbrück den Amtsbonus. Als Oppositionsführer hat er nicht die Chance, Themen so einfach wie ein Regierungschef zu setzen. Noch schlimmer: Bis heute fehlt ihm eine durchschlagende Botschaft. Das wird in der Sommerpause auch nix mehr werden.

War Steinbrück der falsche Kandidat?

Natürlich. Das war eigentlich immer schon klar. Die Wähler, die die SPD bei den letzten beiden Bundestagswahlen ins Lager der Nichtwähler verloren hatte, sind eher links eingestellt. Einem wirtschaftsliberalen Kandidaten wie Steinbrück wird es nicht gelingen, diese wieder einzufangen. Parteichef Sigmar Gabriel oder NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hätten dagegen mit dezidiert linker Rhetorik auf diese Wählerschichten zugehen können. Dem Millionär und Ex-Finanzminister Steinbrück aber würde man beispielsweise ein Wettern gegen die Bankenrettung niemals abnehmen.

Wäre ein Kanzlerkandidaten-Austausch glaubwürdig?

Schwierig. Aber was hat die SPD noch zu verlieren? Eine wochenlange Diskussion, ob man Steinbrück auswechseln sollte, wäre natürlich verheerend. Wenn, dann müsste es ganz schnell gehen. Rücktritt – begründet eventuell mit gesundheitlichen Problemen – und sofortiger Ruf nach Hannelore Kraft.

Warum Hannelore Kraft?

Mit fällt beim besten Willen kein anderer Kandidat ein, der diesen Job machen könnte. Sie wirkt sympathisch und unprätentiös (zumindest sind mir keine Allüren bekannt), hat schon Wahlen gewonnen (im Gegensatz zu Gabriel, Steinmeier und Steinbrück) und ist noch immer recht unbekannt auf der bundespolitischen Bühne – ein echter Vorteil. Kraft würde das Neue verkörpern – in der SPD und im Wahlkampf 2013.

Wie würden die Medien reagieren?

Für die Journalisten ist dieser Wahlkampf eine Katastrophe. Steht mit Merkel die Wahlgewinnerin quasi fest, verkaufen sich politische Titel kaum. Dramatische Rücktrittsszenen um den gefallenen Kanzlerkandidaten und die Inthronisierung einer frischen Ministerpräsidentin aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland – das wäre der Stoff, nach dem sich viele Hauptstadtjournalisten die Finger lecken (würden). Ein Duell Frau gegen Frau hat es in der bundesrepublikanischen Geschichte noch nie gegeben. Programmatisch würde sich die SPD sicherlich wenig ändern, aber mit Homestorys und anderen menschelnden Berichten könnte Kraft zumindest in puncto Sympathie Steinbrück schnell vergessen machen.

Hat Kraft nicht deutlich erklärt, in Düsseldorf bleiben zu wollen?

Das Thema wird in wenigen Tagen durch sein. Wird der Ruf inner- und außerhalb der SPD nach ihr groß, wird sie argumentieren, sie habe sich nicht selbst ins Spiel gebracht und müsse ihrer Partei in dieser Situation helfen. Überhaupt wird das Thema außerhalb NRWs nicht groß debattiert werden. Und: Seit Konrad Adenauer hat es keinen Nordrhein-Westfalen mehr im Amt des Bundeskanzlers gegeben. Ich denke eher, dass die Menschen an Rhein und Ruhr stolz wären, wenn eine von ihnen nach dem höchsten politischen Amte im Staate greift.

Wofür steht Hannelore Kraft?

Da wird es richtig interessant. Nach ihrer ersten Wahl in NRW regierte sie ein knappes Jahr mit einer Minderheitsregierung, ihrer sogenannten Koalition der Einladung. Sie stützte sich ausdrücklich auch auf die Linkspartei im Landtag. Sollten die Mehrheitsverhältnisse nach dem 22. September keine klare Mehrheit im Bundestag zulassen, würde Hannelore Kraft – zur Freude der SPD-Linken – auch hier einen rot-rot-grünen Flirt wagen. Wetten, dass?!

Ist ein Austausch des Kanzlerkandidaten überhaupt noch rechtlich möglich?

Klar, theoretisch sogar noch am Wahltag. Der Kanzlerkandidat ist eine reine Parteien- und Medienerfindung, um den Wahlkampf zu personalisieren. Hannelore Kraft könnte zwar nicht mehr in den Bundestag einziehen (weil die Kandidatenaufstellung der SPD in NRW bereits durch ist), jedoch von diesem zur Kanzlerin gewählt werden. Im Gegensatz zum NRW-Landesparlament muss der Regierungschef nämlich gar nicht Bundestagsmitglied sein.

Und wie realistisch ist das Szenario Kraft für Steinbrück?

Nicht sehr wahrscheinlich, in der Tat. Aber die rennen sehenden Auges in die Wahlkatastrophe. Ob SPD-Chef Gabriel und die vielen Kandidaten in den Wahlkreisen, die um ihr Mandat bangen, sich das alles weiterhin nur stoisch anschauen?


tl;dr: Es gibt für die SPD nur noch eine Chance, die Bundestagswahl nicht völlig in den Sand zu setzen. Der heißt: Kraft statt Steinbrück.


Freitag, 24. Mai 2013


Unser Pokal. Noch Fragen?
The day after, 18 Uhr:  Das Spiel war wahnsinnig nervenaufreibend. Und ich habe fast keine Stimme mehr. Diese Nacht konnte ich auch kaum schlafen. Aber ich bin trotzdem – logisch – tief zufrieden und glücklich. Nach den verlorenen Finals 2010 und 2012 war das auch für mich persönlich wichtig. Wir sind heute auf dem Champions-Fest am Olympiastadion gewesen und wollen wohl noch nach Wimbledon raus. Essen wollen wir heute Abend noch indisch: Chicken tikka masala.

Matchday, 18 Uhr: Man trifft hier Schulfreunde von vor 15 Jahren, die gestrandeten Mitflieger aus Brüssel und viele andere bekannte Gesichter. Großartige Stimmung und Akustik, obwohl bisher nur 10.000 Zuschauer hier drin sind. Das wird heute Nacht ohrenbetäubend. Und die Nervosität kann nicht größer sein. #packmas

Matchday, 13 Uhr: Es ist angerichtet. Wir haben gut geschlafen und bewegen uns jetzt langsam aber sicher nach Wembley. Ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben.

Freitag, 22 Uhr: Gelandet – und tatsächlich in Londons Südosten. Jetzt Passkontrolle, Koffer suchen, kompliziert den Schlüssel ganz im Westen der Stadt organisieren, dann ins Quartier in den Süden. Und schlafen, viel schlafen.

Freitag, 16 Uhr: „Lost in Brüssel“ hätte dieser Post auch heißen können. Wir sitzen hier noch immer fest. Derzeit ist folgendes geplant: Um 19.20 Uhr mit der LH 1019 nach Frankfurt (Und damit in knapp 14 Stunden von Berlin nach Frankfurt, da hätte man ja gleich die Bahn nehmen können.) und dann ab 21.30 Uhr mit der LH 922 weiter nach London-Heathrow. Ankunft dort wäre 22.10 Uhr englischer Zeit. 

Mein Eindruck: Der einzelne Fluggast ist heute nicht wichtig. Priorität hat, dass die börsennotierten Flughäfen nach einem Zwischenfall wie dem in London heute Morgen möglichst schnell wieder ihren normalen Flugbetrieb aufnehmen. Dann werden zwischendurch halt paar Maschinen gestrichen – egal, ob deren Passagiere umbuchen können. Wir hätten aus dem planmäßigen Flieger, der eigentlich um 9.05 Uhr von Brüssel aus weiterfliegen sollte, niemals aussteigen dürfen. Alle Passagiere zusammen hätten vielleicht etwas bewegt.

Nun lief das aber so ab, dass alle etwa 200 „Kunden“ sich am einzigen Brussels-Airlines-Schalter hier mit den wenigen Service-Kräften herumärgern durften. Jeder bekam nun eine eigene Verbindung. Einige fliegen nach Edinburgh/Bristol/Birmingham und wollen sich dann mit dem Zug oder Auto durchschlagen. Andere, wie wir, nehmen über Frankfurt/Paris/Mailand oder sonstwo einen neuen Anlauf aufs Finale. Bei einigen, die sehr frühe Alternativen zugewiesen bekamen, sitzt der Frust noch tiefer: Deren neue Verbindung wurde mittlerweile auch gecancellt.

In London wollten wir bei einem Freund unterkommen, der selbst in diesen Minuten in den Urlaub startet. Die Schlüsselübergabe ist erstmal gescheitert. Mal gucken, ob uns jetzt auch unser Quartier hopsgeht.

Und das alles mit nur zwei Stunden Schlaf heute Nacht.

Freitag, 10 Uhr: Gestrandet in Brüssel. Weil in Heathrow eine Maschine offenbar ohne Turbine landen wollte, ist jetzt dort der gesamte Airport dicht. Noch haben wir gut 35 Stunden bis zum Anpfiff. Wenn die uns wenigstens aus dem Flieger rauslassen würden, könnten wir es noch zu Fuß und schwimmend durch den Ärmelkanal schaffen.

Freitag, 0 Uhr: Nach London (Achtelfinale, Hinspiel, 3:1-Sieg) und Barcelona (Halbfinale, Rückspiel, 3:0-Sieg) nun also das dritte Auswärtsspiel der diesjährigen Champions-League-Saison.

Und mir geht's... ich weiß es gar nicht. Wahrscheinlich war ich selbst vor meiner Erstkommunion nicht aufgeregter. Natürlich glaube ich an einen deutlichen Sieg meines FC Bayern, der dieser überragenden Saison noch die Krone aufsetzen wird. Aber anderseits? Nein, diesen Gedanke darf ich einfach nicht zulassen.

In weniger als 4 Stunden muss ich aufstehen. Und noch packen. Aber der Hashtake des Moments heißt ja eh #packmas. Also los, ihr Bayern, ich bin bereit!


tl;dr: Finale in Wembley! Während des Trips zum Triple werde ich hier meine Eindrücke schildern. #packmas, Bayern!


Montag, 20. Mai 2013

BUNDESLIGA-AUFSTIEG 

Ich war gestern (Sonntag) bei der Hertha. Letztes Saisonspiel, Meisterfeier, die Wetterprognose war gut und ich hatte Zeit – warum also nicht?

Eigentlich wollte ich während des Spiels ein paar Eindrücke twittern, aber die deutschen Mobilfunkfirmen bekommen das mit der Netzabdeckung bei Großveranstaltungen ja immer noch nicht hin. Großes Buhh! Daher hier nun Notizen aus dem Olympiastadion.

1. Zunächst: Glückwunsch. Hertha BSC wird wohl niemals mein Verein, aber die Saisonleistung erkenne ich natürlich neidlos an. Vor zwei Jahren hatte ich mit einem Durchmarsch zurück in Liga 1 gerechnet, diesmal hatte ich die Berliner nachweislich nicht auf dem Zettel.

2. Das Wetter war grandios. Nach mehr als zwei Stunden in der prallen Sonne habe ich meinen alten Bekannten, den Sonnenbrand, wiederentdeckt. Dass genau jetzt, da das Wetter endlich wieder Spaß macht, die fußballlose Sommerpause beginnt, ist furchtbar. Es gibt keine bessere Jahreszeit als den Sommer, um Fußball im Stadion zu gucken. Ist der Winter so extrem wie dieses Jahr, friere ich bei Zweidrittel aller Saisonspiele. Es wird Zeit, dass DFB/UEFA/FIFA die Spielpläne umstellen: durchgehende Saison von März bis Oktober!

3. Vor zwei Jahren hatte Hertha am letzten Spieltag auch ein Heimspiel und konnte mit den eigenen Fans die Zweitliga-Meisterschaft feiern. Damals war das Olympiastadion ausverkauft. Logisch: Meister, letztes Heimspiel, tolles Wetter. Da ist jedes Stadion in jeder Stadt in jeder Liga ausverkauft. Nur nicht gestern. Da verirrten sich „nur“ 63.267 Zuschauer ins weite Rund. Ein klarer Gradmesser, wie das Image des Hauptstadtvereins in den letzten zwei Jahren nach dem erneuten Abstieg, absurder Personalpolitik (Favre! Slomka! Skibbe! Rehhagel!) und dem Relegations-Theater mit Fortuna Düsseldorf gelitten hat.

4. Trotz des nicht ausverkauften Stadions war die Stimmung auf den Rängen gut, ich behaupte sogar erstligareif. Singen und rufen 60.000 Kehlen unentwegt, wird der Nachteil des nicht reinen Fußballstadions aufgewogen. Respekt!

5. Was von den Rängen skandiert wurde, will muss ich aber doch kritisieren. Ein Großteil der Gesänge richtete sich gegen Cottbus. Sogar eine riesiges Banner („Macht's gut ihr Trottel!“) wurde zum Ende des Spiels aufgezogen. Okay, es gibt eine lokale Rivalität zu Cottbus, aber warum können sich die Berliner nicht einfach über ihre Mannschaft, ihren Aufstieg freuen? Man muss nicht nur gut verlieren, man muss auch gut gewinnen können. Hertha hätte sich Sympathien erspielen können. Schon einmal was von Demut gehört? (Ich weiß, das klingt aus den Fingern eines Bayern-Anhängers komisch. Macht's aber damit trotzdem nicht falsch.)

6. Apropos Aufstieg 2011: Der Trainer beim damaligen Gegner und Mitaufsteiger FC Augsburg war ein gewisser Jos Luhukay. Der sitzt nun bei Hertha hoffentlich fest(er) im Sattel. Was er geleistet hat, verdient Anerkennung. Hier hat Manager Michael Preetz offenbar ein glückliches Händchen bewiesen.

7. Bei der Zweitliga-Meisterehrung wurden die Spieler und Team-Verantwortlichen alle einzeln durch den Stadionsprecher erwähnt und gefeiert. Nur der auch in Fankreisen hoch umstrittene Manager Michael Preetz nicht. Zufall? Absicht?

8. Zur Artikel-Überschrift: Der alte Hertha-Ohrwurm (hier auf YouTube) ist einfach klasse. Um Längen besser als alles, was es beim Stern des Südens gibt. Da schunkel sogar ich im Oly mit. (Ich wollte ja ein versöhnlichen Abschluss des Textes hinbekommen.) 


tl;dr: Notizen zu Hertha BSC und dem Aufstieg. Von einem Berliner, der die Hertha nicht so wirklich mag.


Donnerstag, 9. Mai 2013

ALLE AB-BAHNHÖFE AN 1 TAG 
Der große S-Bahn-Test 

Mit meinem Freund und Kollegen Frank werde ich heute (Freitag, 10. Mai) ein wahnsinniges Experiment wagen: Wir wollen alle S-Bahnhöfe in Berlin anfahren. Das weitläufige Streckennetz der Berliner S-Bahn GmbH wird uns an Orte bringen, die zuvor noch nie ein Mensch gesehen hat. Naja, zumindest nicht alle Orte in einem Zug.

Spandau (S-Bahnlinie 5), Wannsee (S1, S7), Lichterfelde Süd (S25), Lichtenrade (S2), Grünau (S8, S85), Grünbergallee (S45, S9), Spindlersfeld (S47), Heiligensee (S25), Frohnau (S1), Buch (S2), Wilhelmshagen (S3), Mahlsdorf (S5), Ahrensfelde (S7) und Wartenberg (S75) sind die extremen Ausläufer des in den letzten Jahren tief in der Krise steckenden Verkehrsmittels. Wir machen den Test: Ist die Berliner Stadtschnellbahn wirklich so mies wie ihr Ruf?

Ein bisschen Sorge macht uns die Streckensperrung rund um den Nöldnerplatz (S5, S7, S75). Da wir wirklich alle Stationen besuchen wollen, werden wir wohl oder übel auf den ach so beliebten SEV, den Schienenersatzverkehr, ausweichen. Aber wir sind optimistisch!

Das Tolle an der Aktion: Du kannst mitmachen! Wir freuen uns über jeden Mitfahrer, der uns auf einem der Abschnitte begleiten wird. Den Routenplan haben wir ausgearbeitet, aktuelle Informationen über Verspätungen oder Änderungen kannst du am besten über Twitter verfolgen. Dafür haben wir einen eigenen Account angelegt: www.twitter.com/ABBahnhoefe1Tag.


Noch einige kurze Infos:
  • Los geht es ab 9.06 Uhr am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße, Endpunkt ist ebenda um voraussichtlich 21.02 Uhr.
  • Aufgrund von verpassten Anschlüssen oder menschlichen Bedürfnissen, kann sich der Fahrplan verändern. Am besten vorher immer bei Twitter nachschauen.
  • Vielleicht legen wir auch eine längere Pause ein, wenn du uns die beste Eisdiele Berlins entlang der Fahrstrecke verrätst.
  • Wir fahren nur die Bahnhöfe an, die wirklich in Berlin liegen, also den AB-Bereich.
  • Über Essen- und Getränkespenden von Mitfahrern freuen wir uns natürlich. Sei kreativ.
  • Eine andere S-Bahn-Aktion hatte ich – lang ist's her – am 5. August 2010 gemacht: Öffentliche Pressekonferenz in der Ringbahn. Erinnert sich noch jemand?
  • Über die Hintergründe dieser aktuellen Aktion hatte Frank schon vor einigen Tagen ausführlich gebloggt.

Unser Fahrplan:


tl;dr: Alle S-Bahnhöfe Berlins an einem Tag? Frank und ich versuchen es am Freitag. Fahre mit und/oder folge uns auf Twitter: @ABBahnhoefe1Tag.


Montag, 6. Mai 2013

ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND 

Die AfD-Rechtspopulisten stärken Kanzlerin Merkel eher.
Das Aufkommen der populistischen Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland hat die Bundestagswahl plötzlich wieder spannend gemacht. Allerorten (hier, hier, hier, hier, hier oder hier) wird spekuliert festgestellt, dass die AfD Merkels Wahlsieg noch verhindern kann.

Mit einfacher Mathematik (dazu später mehr) und ein bisschen politischem Verständnis lässt sich diese These jedoch schnell entkräften. Vielmehr stimmt das Gegenteil.

Was niemand in der Union zugegeben würde: Strategisch kann die AfD der Merkel-Partei noch lange die Macht sichern. Denn mit der AfD würden weder SPD noch Grüne jemals koalieren. So entsteht in Parlamenten, in die es die AfD schafft, auf der rechten Seite eine strukturelle Mehrheit. Diese kann die Union in Koalitionsverhandlungen mit Rot oder Grün immer nutzen, um ihr Wahlprogramm durchsetzen.

Damit gleicht die AfD strategisch ein wenig der Linkspartei. Diese stellt ja für die SPD vor allem in den östlichen Bundesländern ein hervorragendes Erpressungspotential  dar. In Koalitionsgesprächen zwischen den beiden Volksparteien drohen die Sozialdemokraten häufig mit einer anderen, linken Mehrheit und setzen so deutlich mehr Programmatik (und Ministersessel) durch.

Die AfD gleicht der Linkspartei aber noch in einem anderen Punkt. Beide Parteien sind die einzigen Kräfte (sieht man von unbedeutenden Splitterparteien ab), die den common sense in der Europapolitik ablehnen. Das hat – mit Verzögerung – jetzt auch Linken-Ikone Oskar Lafontaine erkannt und kupfert mal eben schnell deren Kernforderung ab. Das tut Lafontaine aus einem einfachen Grund: Ihm geht der Arsch auf Grundeis.

Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass Merkels Unterstützer am Wahltag in großen Scharen zur AfD überlaufen? Einige AfD-Sympathisanten haben sicherlich einen Unionshintergrund. Aber jemand, dem die Wiedereinführung der D-Mark so wichtig ist, dass er seine Wahlentscheidung davon abhängig macht, würde bei dieser Bundestagswahl eh nicht (mehr) CDU oder CSU wählen.

Die AfD-Wähler hätten eigentlich nur vier Möglichkeiten, wenn es die AfD nicht gäbe:

  1. Nichtwählen – was wohl die meisten machen würden.
  2. Eine aussichtslose Splitterpartei wie die BüSo oder die NPD wählen.
  3. FDP wählen und hoffen, dass deren marktradikale Seite sich durchsetzt.
  4. Linke wählen – immerhin die einzige Partei im Parlament, die häufiger Nein sagt.
Erste Umfragen scheinen diese Logik auch zu bestätigen.

Auch ein anderer Punkt könnte Merkel kurzfristig sehr gut in den Kram passen. Die Euro-Rettung und die damit verbundene Beseitigung der weltweiten Finanzkrise werden zu einem bestimmenden Themen im Bundestagswahlkampf.


SPD und Grüne leiden darunter, dass sie es nie geschafft haben eine pointierte Alternative zur Merkel/Schäuble-Politik zu formulieren. Bei allen relevanten Abstimmungen in dieser Legislaturperiode stimmten SPD und Grüne fast geschlossen mit der Union. Das ist auf der einen Seite eine eklatante politisch-kreative Bankrotterklärung der Opposition, auf der anderen Seite scheint die so oft zitierte Alternativlosigkeit offenbar zu verfangen. Wenn jetzt aber vielen Menschen doch der Sinn nach einer anderen Euro-Politik steht? Warum sollten diese für Rot-Grün stimmen?!

In einem Wahlkampf, in dem über Merkels Euro-Politik gestritten werden muss, kristallisieren sich zwei Pole heraus: Einmal das von Rot-Grün mitgetragene Ja zum Euro von Angela Merkel, und zum anderen die Zurück zur DM-Position der AfD. Peer Steinbrück findet dazwischen – auf dem vielleicht wahlentscheidenden Politikfeld – quasi nicht statt. Das nützt: Angela Merkel.

Machen wir Rechenszenarien auf. In den Umfragen liegt Merkels CDU/CSU derzeit zwischen 10 und 18 Prozentpunkten vor der SPD. Dieser Vorsprung wird sicher ausreichen, um am 22. September klar als Erstes über die Ziellinie zu laufen. Nach Stand der Dinge wird die Union auch alleine stärker als Rot-Grün zusammen. Optimale Voraussetzung, um den Regierungsauftrag zu reklamieren. Entscheidend wird also nur noch sein, welche der drei kleineren Parteien (FDP, Linke, AfD) in den Bundestag einziehen werden. Dazu habe ich die sechs mathematisch möglichen Szenarien durchgespielt.


  • Variante 1: AfD, FDP und Linke scheitern knapp am Bundestagseinzug.
    In dem verbliebenen 3-Parteien-Parlament kann Angela Merkel mit einer absoluten Mehrheit der Mandate regieren.
     
  • Variante 2: AfD kommt rein, FDP und Linke scheitern.
    Eine Regierungsmehrheit ist ohne Angela Merkel nicht möglich, sie kann SPD und Grüne in Koalitionsverhandlungen gegeneinander ausspielen.

  • Variante 3: AfD und FDP kommen rein, Linke scheitert.
    Falls es für Schwarz-Gelb reicht, wird weiterregiert wie bisher. Sollte es jedoch nicht ganz reichen, wären mit Verweis auf die wichtige Euro-Politik höchstwahrscheinlich sowohl SPD als auch die Grünen zu einer Koalition mit Merkel bereit.
     
  • Variante 4: AfD und Linken kommen rein, FDP scheitert.
    Das Extremen-Parlament. Weder Rot noch Grün könnten sich ihrer staatspolitischen Verantwortung entziehen, eine stabile Koalition unter Führung von Angela Merkel zu entziehen.
     
  • Variante 5: AfD und Linke scheitern, FDP kommt rein.
    Weiter so. Es reicht für Schwarz-Gelb.

  • Variante 6: AfD und FDP scheitern, die Linke kommt rein.
    Das Horror-Szenario der Bürgerlichen. Es gibt zwar keine eigene Mehrheit von Rot-Grün, der rot-rot-grüne Block hat aber eine klare Mehrheit. Sollte es der Union doch noch gelingen, die SPD oder die Grünen zu einer Koalition zu überreden, dann wohl nur unter Verzicht Angela Merkels auf das Kanzleramt. Nicht auszuschließen ist jedoch auch ein rot-grünes Bündnis unter Tolerierung der Linken (Magdeburger Modell).

Fazit: Das Aufkommen der AfD sichert Angela Merkel bei den Varianten 1 bis 4 die Macht. Bei Variante 5 ändert sich nichts, einzig bei Variante 6 könnte Rot-Grün von der neuen rechtspopulistischen Partei profitieren, da sich FDP und AfD hier wohl selbst kannibalisiert hätten.

Langfristig wird die Alternative für Deutschland keinen Erfolg haben. Ein-Themen-Parteien – die Grünen würde ich nicht dazu zählen – haben sich bei uns noch nie etabliert. Ob die Schill-Partei, die Statt-Partei, jetzt offenbar sogar die Piratenpartei oder auch die Parteien am rechten Rand: Fast alle fielen nach einer Legislaturperiode wieder aus den Parlamenten. Irgendwann ist jedes Thema aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, interne Streitigkeiten tun meist ihr übriges. Spätestens wenn der Euro langfristig gesichert ist, wird die AfD wie ein kaltgewordenes Soufflé in sich zusammenfallen.


tl;dr: Überall steht, dass die Alternative für Deutschland (AfD) Angela Merkels Wahlsieg gefährdert. Hier steht, warum eher das Gegenteil der Fall ist.